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Wem hilft unser Gesundheitssystem wirklich? Ein Vergleich mit indigenen Medizinsystemen PDF Drucken E-Mail

 

(erschienen unter dem Titel "Herumdoktern an den Symptomen" in connection Schamanismus extra, April - Oktober 2010)


Das Gesundheitssystem in Deutschland krankt und das nicht erst seit ein paar Jahren. Unter dem Deckmantel der allopathischen Schulmedizin schlucken Millionen von Patienten überteuerte und oftmals unwirksame Medikamente – in Extremfällen bis zu 60 Präparate gleichzeitig; Ärzte führen pro Jahr zehntausende Operationen durch, deren medizinischer Wert oft mehr als fraglich ist. Unterbezahltes Pflegepersonal arbeitet am Rande der Belastbarkeit, während Hunderttausende von Bundesbürgern sich die Krankenkassenbeiträge eigentlich nicht mehr leisten können, und immer mehr gesetzlich Versicherte bekommen die Auswirkungen einer Zwei-Klassen-Medizin zu spüren. Wirkliche Heilung erfahren hier nur die wenigsten. Doch woran liegt das und kann ein Vergleich mit indigenen Gesundheitssystemen uns helfen?


Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen traditionellen und industriellen Gesundheitssystemen ist der Grundgedanke, auf dem sie aufbauen. Spätestens seit der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts verlagerten sich im Westen die Schwerpunkte der Medizin weg von den Krankheitsursachen hin zu den beobachtbaren Symptomen von Krankheiten. Die medizinische Forschung trennte die Krankheit vom Individuum. Heutzutage basiert unser schulmedizinisches System darauf, die Auswirkungen von Krankheiten zu bekämpfen. Nur in äußerst seltenen Fällen wird hinter dem Vorhang nach den Ursachen geschaut. Das Problem dieser allopathischen Sichtweise ist, dass viele Menschen aufgrund ihrer Erziehung und Entwicklung innerhalb dieser kulturellen Maßstäbe denken, dass der Rest des Eisberges verschwindet, wenn sie die Spitze des Eisberges – die Symptome – erfolgreich bekämpft haben. Oft sind sich die Patienten der eigentlichen Störung nicht bewusst und meistens bricht später der Eisberg wieder durch – häufig schwerer als zuvor.

Um Symptome als das anzuerkennen, was sie Ihrem griechischen Wortsinn nach sind, als „Begleiterscheinungen“, benötigen wir zunächst eine allgemeingültige Definition von Gesundheit. Erst dann können wir die Erscheinungen richtig interpretieren und wissen im Krankheitsfalle, was wir eigentlich wiederherstellen wollen. Abgesehen von der – geschichtlich betrachtet – relativ jungen Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisation, haben Sie sich schon einmal gefragt, was Gesundheit für Sie bedeutet?

Beim Vergleich indigener Gesundheitssysteme fällt immer wieder eines auf: egal, ob wir uns in Nord- oder Südamerika, Afrika oder Asien umsehen, fast alle traditionellen Kulturen definieren Gesundheit als einen Zustand des Gleichgewichts. Krankheit ist das Symptom für ein Ungleichgewicht. Bei den Hippokratikern im antiken Griechenland war die Balance der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, schwarze und gelbe Galle) Voraussetzung für Gesundheit, genauso wie bei vielen indischen Therapieansätzen das Gleichgewicht der drei Körpersäfte (Tridoshas: Luft, Gallensaft und Schleim) eine wichtige Rolle spielt. Bei vielen Völkern mit traditioneller Lebensweise geht diese Balance weit über das hinaus, was wir normalerweise unter im Gleichgewicht sein verstehen. Es betrifft nicht nur das physische, mentale, emotionale und spirituelle Gleichgewicht des Einzelnen, sondern darüber hinaus die soziale Harmonie (Familie, Dorf und Gesellschaft) und das Gleichgewicht im Leben mit der Natur.

Das Prinzip medizinischer Versorgung in schamanischen Kulturen und bei vielen anderen Ethnien anderen traditionellen Kulturen beruht auf der Wiederherstellung der Balance, die im Krankheitsfall aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Krankheit des Patienten ist der Indikator für ein Ungleichgewicht zwischen menschlichem Wirken und göttlichen Mächten. Aufgabe des Schamanen oder Heilers ist es, die Ursache der Disharmonie ausfindig zu machen, wobei sich die Techniken nach Region und Art des medizinischen Systems unterscheiden. Schamanen erhalten Informationen über die Ursache und die Art der Heilung, indem sie mittels veränderter Bewusstseinszustände Kontakt mit Hilfsgeistern aufnehmen, Tier- oder Pflanzengeister befragen und/oder ihre Ahnen um Rat bitten. Andere Heiler arbeiten mit Orakeln, Heilpflanzen, Zaubersprüchen, Diätvorschriften, Einhaltung bestimmter Tabus, Räucherungen oder anderen rituellen Handlungen als Diagnose und Therapie. Die Karen, ein Bergvolk in Myanmar und im Norden Thailands, benutzen zum Beispiel für die Diagnose teilweise ein Reisorakel, um mit den Geistern zu kommunizieren.

Die Bewahrung des Gleichgewichts, beziehungsweise im Krankheitsfall die Wiederherstellung der Balance innerhalb des Individuums, der Gesellschaft und in der Beziehung zu seiner Umwelt führt letztendlich zu einem harmonischeren Miteinander und respektvolleren Umgang. Allerdings nur, wenn sich die Mitglieder einer Gemeinschaft ihrer persönlichen Verantwortung zur Gesunderhaltung oder ihrer Pflichten in der Patientenrolle bewusst sind. Krankheiten Einzelner können – speziell in schamanischen Traditionen, aber auch in nicht-schamanischen Systemen – Auswirkungen egoistischen Verhaltens sein oder des respektlosen Verhaltens gegenüber der Natur, welches die Krankheit als Strafe von Naturgeistern nach sich zieht. Bei den Pima, ein nordamerikanischer Indianerstamm, der im Südwesten der USA und in Nordmexiko beheimatet ist, kann ungebührliches Verhalten gegenüber heiligen Objekten eine Krankheitsursache sein.

Dies mag für uns eine etwas fremd anmutende Vorstellung sein, was allerdings nur daran liegt, dass wir durch unsere Erziehung und Sozialisation daran gewöhnt sind, Krankheit als eine kontextlose, von außen induzierte Sache zu betrachten, die entfernt werden muss; ganz im Weberschen Sinne der Entzauberung. Die Verdinglichung von Krankheit innerhalb der Schulmedizin in den letzten zwei- bis dreihundert Jahren hob die Krankheit aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen heraus und führte zu einem immensen Verlust für Gesellschaft und Individuum: hatten die Menschen bis ins Mittelalter Krankheiten noch als Indikator für ein Ungleichgewicht oder zumindest für eine Unstimmigkeit, die es zu klären galt, angesehen, verlor die Krankheit jetzt ihre Position als Anzeiger und wurde zu etwas eigenständigem, das es zu bekämpfen galt.

Die bittere Ironie unseres Gesundheitssystems ist die, dass das stetige Bekämpfen von Symptomen genau dieses System am Laufen hält. Auch wenn viele es nicht wahrhaben möchten: dieses Gesundheitssystem ist profitabel, nicht weil es Menschen heilt, sondern weil es Menschen krank hält. Als eines der wenigen Beispiele sei an dieser Stelle nur die Einführung des Gesundheitsfonds genannt, eine der Innovationen im Zusammenhang mit der Gesundheitsreform 2007. Der Gesundheitsfonds der Bundesregierung besagt, dass Krankenkassen mit Patienten, die an bestimmten chronischen Erkrankungen leiden, aus diesem Fonds bezuschusst werden. Die Folge dieses so genannten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs: Krankenkassen nötigen die Ärzte, zu überprüfen, ob ihre Patienten an einer der chronischen Krankheiten leiden. Somit werden Patienten unnötigen Untersuchungen unterzogen, als chronisch krank diagnostiziert und dementsprechend medikamentiert, damit die Krankenkasse Geld aus dem Topf der Bundesregierung schöpft.

Alle paar Wochen tauchen Fälle in den Medien auf, in denen Ärzte von Medikamentenherstellern bestochen oder von den Krankenkassen mit Regressforderungen unter Druck gesetzt werden, Pharmafirmen mit den Ärzten Scheinforschungen betreiben, um neue Medikamente auf den Markt zu bringen und Patienten gesetzlicher Kassen Maßnahmen verweigert werden, da sie nicht so gewinnbringend sind wie Privatpatienten. Auffallend ist, dass alle Beteiligten sich beschweren. Patienten, Ärzte, Pflegepersonal, Krankenkassen, Politiker und nicht zuletzt die Pharmabranche. Worüber beschweren sich alle? Nicht darüber, dass dieses System letztendlich nur sehr wenige wirklich Menschen heilt und somit relativ ineffektiv ist. Laut Markus Grill, Autor des Buches Kranke Geschäfte, landet Deutschland im Vergleich mit anderen OECD-Staaten gemessen an der Überlebensrate bei Brustkrebs, Darmkrebs oder Gebärmutterhalskrebs nur auf den hinteren Plätzen. Alle Parteien beschweren sich vielmehr darüber, wie viel Kosten dieses System verschlingt.

Die Patienten beschuldigen die Ärzte, die Kassenärztliche Vereinigung beschuldigt die Politiker, die Krankenkassen beschuldigen wiederum die Ärzte – komischerweise prangern nur wenige einen der größten Gewinner und Kostentreiber an: die Pharmaindustrie. Laut eigenen Angaben der deutschen Pharma-Unternehmen stieg der Umsatz für Arzneimittel von 2001 bis 2008 um 25 Prozent auf über 30 Milliarden US Dollar, weltweit beträgt der Umsatz knapp 800 Milliarden Dollar. Dabei werden schätzungsweise nur ca. 25 % der Weltbevölkerung mit westlicher Schulmedizin versorgt. Die restlichen 75 % wenden im Krankheitsfall traditionelle oder alternative Medizin an.

Bei aller mittlerweile auftretenden Ineffektivität des Systems sollen die Erfolge und grandiosen Errungenschaften der Schulmedizin, insbesondere der Chirurgie und Notfallmedizin, während der letzten hundert Jahre nicht geschmälert werden. Die Lebenserwartung hat sich durch die Jahrhunderte stetig verbessert; gleichwohl entstehen immer neue, vor allem chronische Krankheiten. Der Geist des Kapitalismus ist jedoch auch am Gesundheitssystem nicht spurlos vorüber gegangen und hat im Laufe der Zeit für eine drastische Verschiebung moralischer Werte gesorgt. So schrieb der Spiegel im August 2005, dass von den ca. 2.300 Medikamenten, die in rund 50.000 Darreichungsformen und Dosierungen auf dem deutschen Markt erhältlich sind, laut Weltgesundheitsorganisation WHO nur ca. 300 Wirkstoffe als unentbehrlich eingestuft werden. Im medizinischen Fachblatt „The Lancet“ war zu lesen, dass nur etwa 20 Prozent aller angewendeten Mittel eine abgesicherte Wirkung besitzen.

Dennoch sind weiterhin laut der BUKO Pharmakampagne viele „neue“ Produkte unnötig, oftmals nicht wirksamer als bereits vorhandene Medikamente und die wirksamen Mittel maßlos überteuert. Die von den Pharmariesen seit Jahren gebetsmühlenartig wiederholten Darstellungen, dass die Medikamente aufgrund der immensen Entwicklungskosten von durchschnittlich 800 Millionen US $ pro Medikament so teuer wären, sind mittlerweile nicht mehr haltbar. Unabhängige, seriöse Untersuchungen belegen, dass ein Medikament im Schnitt maximal 150 Millionen US $ kostet, bevor es auf den Markt kommt. Hinzu kommt, dass lieber an Krankheiten in Industrieländern mit zahlungskräftigen Patienten geforscht wird, anstatt die Entwicklung neuer Medikamente den medizinischen Bedürfnissen der Menschen anzupassen. Im BUKO Pharmabrief Spezial 2/2005 heißt es: „In den letzten 25 Jahren wurden 179 neue Mittel gegen Herz-Kreislauferkrankungen und 111 Krebsmedikamente entwickelt. Gegen Tuberkulose, eine typische Armutskrankheit, an der weltweit jedes Jahr über 1,7 Millionen Menschen sterben, wurden im gleichen Zeitraum nur drei Medikamente entwickelt.“

Anders als bei uns lässt sich mit der Behandlung von Kranken in schamanischen und anderen traditionellen Kulturen nicht viel Geld verdienen. Heiler und Schamanen bekommen in der Regel soviel, wie viel der Patient ihnen zahlen kann, oft gar nicht in Form von Geld, sondern Tauschwaren wie Nahrungsmittel oder Alltagsgegenstände. Niemandem wird eine notwendige Behandlung versagt, weil er nicht über die finanziellen Mittel verfügt. Vielerorts ist das Schamanendasein nur ein Nebenerwerb. Während der Schamane sich tagsüber um sein Feld oder sein Vieh kümmert, erfüllt er in den Nachmittags- und Abendstunden seine spirituelle Berufung. Die Bezahlung des Heilers nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten trägt zur Aufrechterhaltung des sozialen Gleichgewichts innerhalb der Gemeinschaft mit bei. Dieses Gleichgewicht ist bei uns schon lange aus den Fugen geraten.

Natürlich lässt sich die Finanzierung eines Gesundheitssystems einer Gesellschaft mit 82 Millionen Mitgliedern nicht mit der einer Gemeinschaft mit ein paar Hundert oder ein paar Tausend Mitgliedern vergleichen. Die Ursachen für die Schieflage liegen allerdings auch tiefer – der ökonomische Größenwahn ist nur das Symptom. Unser Gesundheitssystem ist nicht nur ein zweiklassenbasiertes, überteuertes und undurchsichtiges Konstrukt, welches den Patienten und das Pflegepersonal ausbeutet, Ärzte unter Druck setzt, damit die Pharmaindustrie weiterhin ihre Milliardengewinne einstreichen kann – es basiert auch auf vollkommen falschen Prämissen. Menschen werden nicht gesund, wenn die Symptome bekämpft werden. Viele Patienten haben diese Einsicht schon selbst gewonnen, allerdings hat sich am Gesundheitssystem seitdem nicht viel verändert. Gesundheitliche Vorsorge durch Ernährung und Sport wird seit ein paar Jahren stärker thematisiert, doch wo wird in der Praxis, im Krankheitsfalle wirklich Ursachenforschung betrieben? Die Präventivmedizin hat im Grunde genommen nichts mit individueller Vorsorge zu tun, bei der der Einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten die Verantwortung für seine eigene Gesunderhaltung übernimmt. Welcher Arzt verordnet heute noch die Einhaltung der Regeln der hippokratischen Tradition über die Balance der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten?

Ohne die positiven Aspekte des deutschen Kranken(versicherungs-)systems in Abrede stellen zu wollen, sollten wir uns darüber bewusst sein, dass dieses System seine Grenzen erreicht und nur mit Mühe durch weitere politische Flickarbeit aufrecht erhalten werden kann. Das führt uns zu der Frage, wer uns hier weiterhelfen kann und wie so oft liegt die Antwort in uns selbst: anstatt die Eigenverantwortung über unsere Gesundheit und über unsere Krankheiten an der Praxis- oder Krankenhaustür abzugeben, müssen wir uns dieser Verantwortung wieder bewusst werden. Indem wir uns in der trügerischen Sicherheit wiegen, krankenversichert zu sein, geben wir automatisch Eigenverantwortung ab. Frei nach dem Motto: Ich zahle viel Geld an meine Krankenkasse, also kann ich mich darauf verlassen, im Krankheitsfalle von diesem System die bestmögliche Versorgung zu erhalten. Keiner kann uns die persönliche Verantwortung abnehmen, ein Leben im Gleichgewicht zu führen mit allen dazugehörenden Lebens- und Ernährungsgewohnheiten. Sowohl Ärzte als auch Heiler aller Kulturen können nur Hilfestellung leisten. Wahre, geistige und körperliche Gesunderhaltung kann nicht von außerhalb, von einem Gesundheitssystem mit Schlagseite kommen, sondern nur von jedem Einzelnen von innen heraus. Erst danach können wir Schritt für Schritt eine harmonische Beziehung zur Natur und schließlich die gesamtgesellschaftliche Balance wieder herstellen.

Björn Lehmann

 

 



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